Gottesdienst 2.6.2019 Wildbad / Sprollenhaus

Liebe Gemeinde, ich möchte uns zu Beginn mal zwei Szenen vor Augen stellen. Sie befinden sich in Stuttgart auf der Königstraße oder in Pforzheim in der Fußgängerzone. Ein Mensch in schmuddeligen Kleidern spricht Sie an und fragt Sie: Haben Sie mal einen Euro für mich? Ein Mensch in Not. Macht der Anblick dieses Menschen was mit Ihnen? 

Zweite Szene. Stellen Sie sich vor, Sie sind mit dem Fahrrad unterwegs, machen vielleicht eine Radtour, und sehen dann auf dem Radweg, da liegt ein Radfahrer, er ist gestürzt und blutet. Ein Mensch in Not. Macht der Anblick dieses Menschen was mit Ihnen

Um einen Menschen in Not geht es auch in einer Geschichte, die Jesus erzählt. Wir hören auf die Geschichte vom barmherzigen Samariter aus Johannes 10, 25-37.

 

25 Und siehe, da stand ein Gesetzeslehrer auf, versuchte ihn und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? 26 Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? 27 Er antwortete und sprach: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst« (5. Mose 6,5; 3. Mose 19,18). 28 Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben. 29 Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster? 30 Da antwortete Jesus und sprach:

Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen. 31 Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinab zog; und als er ihn sah, ging er vorüber. 32 Desgleichen auch ein Levit: Als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber. 33 Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte es ihn; 34 und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. 35 Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir's bezahlen, wenn ich wiederkomme. 

36 Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste geworden dem, der unter die Räuber gefallen war? 37 Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen!

 

Liebe Gemeinde, diese Geschichte: der Barmherzige Samariter gehört zu den bekanntesten Geschichten der Bibel. Ich möchte gar nicht so sehr auf die Rahmenhandlung dieser Geschichte eingehen. Nur so viel: Der Gesetzeslehrer wollte Jesus auf die Probe stellen, letztlich mit dem Ziel, Jesus als Irrlehrer zu entlarven, weil dieser in den Augen der Pharisäer und Schriftgelehrten die alttestamentlichen Gesetze nicht so einhält, wie es in ihren Augen richtig ist.     

Was gehört zum ewigen Leben, das ist die Frage des Gesetzeslehrers an Jesus. Und Jesus lässt den Gesetzeslehrer das zitieren, was der aus dem AT schon längst kennt. Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst. Es handelt sich hier um das sogenannte dreifache Liebesgebot.

Fangen wir mit uns selber an. Es geht zunächst darum, dass ich mich selbst lieben soll, d. h. dass ich mir selbst Gutes tun soll. Es soll mir gut gehen, das ist in den Augen Gottes auf jeden Fall o.k. Da sind wir in aller Regel sehr gut, das können wir gut. Zugegeben: es besteht immer die Gefahr, dass die Liebe zu mir selbst zu sehr betont und auch gelebt wird. Aber wir halten fest: Das ist die Richtung nach innen.    

Es geht zum zweiten darum, dass ich Gott lieben soll, d. h. dass Gott in meinem Leben vorkommen soll. Das verstehen wir Menschen, die wir in den Gottesdienst kommen und die wir uns Christen nennen, auch gut. Aber das ist schon etwas schwerer, was heißt das: Gott lieben? Das ist die Richtung nach oben.

Beides ist wichtig, aber Jesus kommt es noch auf eine dritte Richtung an. Nämlich nach links oder rechts, also auf den oder die Menschen in unserer Umgebung, die sog. Nächsten. Auch die sollen wir lieben, auch diese sollen wir im Blick haben. Während aber im AT aufgrund der Gesetzgebung so vieles genau vorgeschrieben ist, wie die Menschen sich zu verhalten haben, gibt die Bibel viel Freiraum, wer genau der Nächste ist oder wer die Nächsten sind.

Betrachten wir nun die sog. Geschichte des barmherzigen Samariters etwas näher – mindestens dreierlei kann uns hierbei wichtig werden. Ein Mensch, wohl ein Israelit, ist in große Not geraten, als er von Jerusalem hinunter nach Jericho gehen wollte. Dieser Mann ist in diesem unwegsamen Gelände wie es heißt unter die Räuber gefallen, halb tot so heißt es wurde er liegen gelassen. Zwei Männer, ein Priester und ein Levit, sie haben ihn gesehen, also wahrgenommen, aber sie sind vorbeigegangen und haben den schwerverletzten Mann liegengelassen.

 

Und dann kam ein dritter Passant des Weges. Es hieß, dass es ein Samariter war – dabei muss man wissen, dass Israeliten und Samariter verfeindet waren. Aber obwohl der Schwerverletzte für den Samariter einer aus einem verfeindeten Volk war, jammerte es den Samariter, so heißt es in unserer Übersetzung. In anderen Übersetzungen heißt es, er hatte Mitleid, oder: er hatte Erbarmen. Es hat mich emotional so angesprochen und berührt, da möchte ich helfen. Dieser Samariter hat sich ansprechen lassen, hier in diesem Fall effektiv und kompetent zu helfen. Er war in der Lage, hier Gutes zu tun, und er war auch bereit, Gutes zu tun. Erster Punkt: es jammerte ihn, es geht ihm unter die Haut, der Samariter fühlt sich angesprochen. Hier kann ich was tun und hier will ich was tun. Bei dieser Sache bin ich dabei. Es ist die Grundvoraussetzung für ein Aktivwerden. Von den drei Passanten heißt es nur beim Samariter: es jammerte ihn. Die anderen beiden, das waren immerhin ein Priester und ein Levit, also kirchliche Mitarbeiter, gingen teilnahmslos ihrer Wege.

Mancher, der dieses Gleichnis gelesen hat, hat vielleicht gedacht: Die beiden hätten doch auch helfen können – und sie haben es nicht getan. Der könnte doch auch mitmachen und sich einsetzen, so denken wir auch manchmal heute noch von manchen vielleicht sogar aus unserer Gemeinde. Es gibt Erwartungen, die Menschen in unserer Umgebung einfach nicht erfüllen. Und diese Menschen gibt es immer, aber das hilft uns nicht weiter, das sollte uns nicht beeinflussen. Zudem gilt: wir können nicht allen helfen und wir können nicht überall dabei sein.

Das zweite, das mir aufgefallen ist, ist, dass der Samariter sich viel Zeit nimmt, um sich um den Verletzten zu kümmern. Es war ihm wichtig, dass diesem Menschen wieder besser geht und er wieder gesund wird, dass er ganz viel Zeit investiert hat. Er hat den Schwerverletzten nach der ersten Hilfe mit Wein und Öl ins Gasthaus gebracht und ihn weiterversorgt, ist sogar über Nacht geblieben. Mit viel Kompetenz und mit viel Zeit hat sich der Samariter für diesen armen Menschen eingesetzt. Ich kenne Sie alle nicht, aber manche oder viele setzen sich ehrenamtlich in Ihrer Gemeinde oder an Ihrem Wohnort ein und investieren viel Herzblut und auch Zeit in ein Ehrenamt. Vielleicht kümmern Sie sich nicht um halbtote Menschen wie in unserer Geschichte, aber sie kümmern sich vielleicht um Kinder oder Senioren, sie spielen oder singen im Chor oder tun irgendwelche praktischen Dienste. Viele Ehrenamtliche, das wird hier genauso wie woanders ein, sind mit viel Herzblut und Hingabe in ihrer Aufgabe dabei und investieren oft viele viele Stunden in ihr Ehrenamt.

 

Wenn wir in unseren Gemeinden gute Dienste leisten wollen, Dienste, die etwas bewirken sollen, wo etwas herauskommen soll, dann geht das in aller Regel nicht ohne großen Einsatz. Huschhusch oder schnellschnell – das geht in aller Regel nicht. Nebenbei bemerkt: wer viel Zeit und Herzblut für eine Sache aufwendet, bekommt auch selber viel zurück. Diese Erfahrung machen viele, die sich ehrenamtlich einsetzen. Und diese Erfahrung kennen auch viele von Ihnen. Wer anderen Gutes tut, tut sich auch selber etwas Gutes.

Und jetzt kommen wir zum dritten Punkt: der Samariter lässt es sich viel kosten, damit dem Schwerverletzten effektiv geholfen werden kann. Der Samariter nimmt sogar sehr viel Geld in die Hand. Wein und vor allem Öl sind sehr teuer und er gibt dem Wirt zwei Silbergroschen für die weitere Pflege des Schwerverletzten. Zwei Silbergroschen: ungefähr fast zehn Prozent seines Monatseinkommens. Das ist also richtig viel Geld. Dieses Geld hätte der Samariter gut für sich selber ausgeben können, er hätte den Wein selber trinken können und das Geld für eigene Zwecke ausgeben können, um sein Leben zu genießen. Ich nehme an, der Samariter war kein reicher Mann, der mal soeben ganz viel Geld für einen ihm wildfremden Mann ausgibt, der zudem noch aus einer verfeindeten Gruppen stammt. Aber nein, der Samariter hat unverhältnismäßig viel Geld eingesetzt, dass diesem Menschen effektiv geholfen wird.

 

Es gilt: wer Geld in das Reich Gottes investiert, der wird von Gott erst recht gesegnet. Wir kennen die Stelle aus dem Propheten Maleachi:

Bringt aber die Zehnten in voller Höhe in mein Vorratshaus, auf dass in meinem Hause Speise sei, und prüft mich hiermit, spricht der HERR Zebaoth, ob ich euch dann nicht des Himmels Fenster auftun werde und Segen herabschütten die Fülle.    Den Zehnten geben, das war für die Juden in der Zeit des AT Pflicht, diese Pflicht, dieses Muss können wir, die wir vom NT herkommen, nicht erkennen. Es gilt aber, wer den Zehnten, also sehr viel von seinem Einkommen oder Besitz gibt, wird reichlich gesegnet.

 

Diesem Menschen in Not zwischen Jerusalem und Jericho wurde effektiv und wirksam geholfen. Und Menschen in Not gab es schon immer und gibt es auch noch heute. Gott findet es gut, wenn uns die Not von Menschen nicht kalt lässt, sondern uns aktiv werden lässt. Ein Wort aus den Sprüchen Kapitel 14 ist eines der Leitworte der Christlichen Philippinen Initiative: Wer sich des Armen erbarmt, der ehrt Gott.  Wer sich des Armen oder des Hilflosen erbarmt, der ehrt Gott. Was heißt das ? Einsatz, Engagement, Erbarmen für den Armen ist gleichzeitig Liebe zu Gott.

 

Und in der Schriftlesung aus Jesaja haben wir gehört: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus!  Auch das ist ein Motto unserer Philippinen-Arbeit. Die Menschen im AT werden aufgefordert, sich um Menschen, die Hunger haben, zu kümmern, und auch um Menschen ohne Obdach. Also um Menschen, die kaum das Nötigste zum Überleben haben. Und diese Menschen gibt es heute auch noch, bei uns, mehr aber noch in den Ländern der sog. Dritten Welt. Durch die Medien ist unsere Welt zusammen gerückt. Vor allem durchs Fernsehen und durchs Internet bekommen wir mit, wie groß die Not in vielen Ländern in Südosteuropa, Afrika, Lateinamerika oder Südostasien ist. Das Engagement unseres Vereins findet in Manila statt, einer Megastadt mit ganz arg vielen bettelarmen Menschen. Dem gegenüberstellen möchte ich unser reiches Nordwürttemberg. Wissen wir, dass wir in einer der reichsten Regionen weltweit leben ? Zugegeben, auch bei uns gibt es Armut und große Not. Nicht jeder lebt auf der Sonnenseite, manchem droht Altersarmut oder er lebt bereits in Altersarmut. Aber es gibt einen Sozialstaat, der zumindest dafür sorgt, dass man nicht verhungert. Ich denke, ich gehe nicht zu weit, wenn ich sage, wir vom reichen Westen haben nicht nur die Verpflichtung, uns um die Nöte in unserem eigenen Land zu kümmern, nein, wir sollten auch noch die in der Relation ungleich größeren Nöte von Menschen in Afrika, Lateinamerika oder Südostasien zumindest in den Blick bekommen. Zugegeben, wir können nicht überall helfen. Aber es gibt viele gute Organisationen mit guten Projekten, wo Mitstreiter herzlich willkommen sind.

Machen Sie die Probe, setzen Sie sich für einen Menschen in Not ein, wo immer dieser auch lebt, sei es hier oder in einem fernen Land, tun Sie diesem Menschen in Not etwas Gutes - und Sie machen dann ganz sicher die Erfahrung, dass Sie sich gleichzeitig selber viel Gutes tun.

Amen.

 

Verfasser: Joachim Zeeh, CPI/Sersheim

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