Vertraut den neuen Wegen

Liebe Synodale,

„Vertraut den neuen Wegen“ – das ist ja schon ein Klassiker der Moderne geworden. Eine alte, fröhliche Melodie aus dem 16. Jahrhundert, und dazu eine Text von 1989. Doch der Text bringt etwas zum Ausdruck, was im Grunde genommen zeitlos ist: den Aufbruch hin zu neuen Ufern.

Das war schon zu biblischen Zeiten so, dass Menschen aus unterschiedlichen Gründen aufgebrochen sind, ihre alte Heimat verlassen haben und sich auf den Weg in ein neues und unbekanntes Land gemacht haben. Ganz unterschiedliche Beweggründe hatten sie dabei: Mal war es der ausdrückliche Ruf Gottes, der sie bewegte, wie bei Abraham; mal war es die Angst vor der Rache des betrogenen Bruders, wie bei Jakob; mal war es eine unfreiwillige Verschleppung wie bei Josef oder bei Daniel, mal war es die Furcht vor Verfolgung wie bei Maria und Josef mit dem Jesuskind. Und viele weitere Gründe können wir finden.

Doch es geht ja nicht nur um einen Aufbruch im Sinne einer geographischen Ortsveränderung, wo jemand von A nach B oder C aufbricht – obwohl uns diese Situation ja momentan durch die Flüchtlingsbewegung ganz nahekommt. Nein, es geht auch um einen Aufbruch aus vertrauten Traditionen, vertrauten Strukturen und vertrauten Denkmustern hin zu …. – ja, und das ist das große Fragezeichen.

 

Wir leben nun einmal in einer Zeit, die uns als christliche Gemeinde zunehmend infrage stellt. Selbstverständlichkeiten früherer Tage werden von einer immer größeren Anzahl unserer Mitbürger nicht unbedingt mehr geteilt. Wir können uns einkapseln in unsere Gemeindeburgen, in unsere bewährten Traditionen, in unsere überkommene Liturgie und Gemeindestruktur – und wir werden nach wie vor Menschen erreichen, wenn auch tendenziell immer weniger. Oder aber wir entschließen uns dazu, aufzubrechen – hin zu neuen Ufern, ohne in der Tat genau zu wissen, wo das neue Ziel liegt.

Manchmal wird uns auch die Entscheidung von außen abgenommen, wo durch stattliche oder rechtliche Vorgaben ein Aufbruch, eine Veränderung unumgänglich ist. Als ausgeliehener rheinischer Pfarrer bin ich noch ziemlich neu hier in Württemberg und kenne noch nicht wirklich die Themenstellungen, die Sie, liebe Synodale, momentan bewegen. Doch ich vermute einmal, dass sie im Kern wahrscheinlich nicht wesentlich anders sind, als die Themen, die uns auch in der rheinischen Kirche bewegten – und die mannigfachen Beilagen zur Synodeneinladung weisen in die gleiche Richtung: Demographischer Wandel, gesellschaftlicher Wandel, Arbeitswelt und Mobilität, Alter und Gesundheit, Diakonie im Umbruch – da tut sich etwas, und wir sollten darauf reagieren, sollten aufbrechen aus Vertrautem, um den Anschluss an die Menschen unserer Gegenwart nicht zu verlieren.

 

„Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist…“ – das ist nicht immer ganz einfach, in den vielen Stimmen ringsumher, die uns erreichen, die Stimme des Herrn zu erkennen und damit den Weg zu erkennen, den er uns weisen möchte. Doch wir werden nicht darum herumkommen, Schritte auf unsicherem Terrain zu gehen, ohne letzte Sicherheit, nur getragen von der Verheißung: „Und unser Herr geht mit!“

Doch das sollte uns nicht Bange machen – die Väter und Mütter des Glaubens in der Vergangenheit hatten oftmals auch keine größeren Sicherheiten als diese, und sie haben die Herausforderungen ihrer Zeit bestanden - im Vertrauen darauf, dass sie diesen Weg nicht alleine gehen. Denn „er selbst kommt uns entgegen. Die Zukunft ist sein Land.“ Was das für eine Zukunft sein wird, ist uns letztlich noch verborgen, aber es wird eine Zukunft sein, in der die christliche Gemeinde – in welcher äußeren Form auch immer – weiterhin ein Zeugnis für die Gegenwart unseres Herrn und Gottes in dieser Welt, auch der württembergischen Welt, sein wird. „Wer aufbricht, der kann hoffen, in Zeit und Ewigkeit. Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit.“ Gehen wir diesen Aufbruch daher getrost an, denn Gott will, dass wir ein Segen für seine Erde sind. Amen.

 

Pfarrer Kurt Fischer

Andacht Bezirkssynode Neuenbürg, 26.2.2016