Jontef begeistert mit Klezmer-Klängen

Man darf das Klezmer-Konzert am vergangenen Samstagabend in der Ev. Stadtkirche in Bad Wildbad ohne Einschränkung als einen absoluten musikalischen und gesanglichen Höhepunkt bezeichnen, den die bereits seit vielen Jahren bestehende und aus dem Tübinger Raum kommende Gruppe „Jontef“ wunderbar gestaltete.

 

Doch zuerst die Erklärung von „Klezmer.“ Klezmermusik (sprich Klesmer) – vorwiegend instrumental – ist durch ihre charakteristische an die menschliche Stimme (Schluchzer, Triller) erinnernde Melodielinie erkennbar, eine aus dem mittel- und osteuropäischen Judentum stammende Volksmusiktradition weltlicher Musik. Und „Jontef“ bedeutet einfach Festtag!

 

Ein Festtag war es für die Zuhörer, denn was die vier Mitwirkenden Michael Chaim Langer (Gesang, Schauspiel), Joachim Günther (Komposition, Klarinette, Akkordeon), Wolfram Ströle (Text, Komposition, Violine, Gitarre) und Peter Falk (Komposition, Kontrabass) in ihrem Programm „Im blauen Mond September“ vortrugen, sprengte eigentlich den üblichen Rahmen eines Konzerts. Aber es passte!

 

Mit „Was treibt und tobt mein tolles Blut“ und „Und wüssten’s die Blumen,“  zwei vertonten Gedichten des deutsch-jüdischen Schriftstellers Heinrich Heine eröffnete Jontef sein Programm, das die Besucher immer mehr packte und hineinzog in eine andersartige Stimmung, denn im Klezmer wird Freude, Heiterkeit, Spott, Leidenschaft, Not, Angst und Leid gleichermaßen ausgedrückt. Mit Texten von Hugo v. Hofmannshal, Berthold Brecht, Erich Kästner, Mascha Kaléko, Mordechaj Gebirtig, Rudolf Baumbach, Theodor Kramer, Wolfram Ströle sowie der Anfang dieses Jahres verstorbenen Eva Strittmatter– vorgetragen oder gesungen – wurden Stimmungen, Situationen, Tänze, Bewegungen ganz unterschiedlicher Art ausgedrückt und musikalisch, gesanglich, gestisch und mimisch interpretiert. Der Inhalt der Texte ist kritisch, hoffnungsvoll, erwartend, überschäumend, den Alltag und die Liebe beschreibend, bisweilen banal, aber immer tief- und hintergründig und natürlich sehnsuchtsvoll.

 

Während die drei Instrumentalisten Günther, Ströle, Falk meist gemeinsam aber auch solistisch absolut meisterlich auf ihren Instrumenten begleiteten, sang und rezitierte Langer die Texte, wobei er mit großer Ausprägung deren Inhalt interpretierte, im Sinne „Er spielt, was er spricht.“  Man merkt Langer an, dass er als Schauspieler und langjähriger Leiter des Landestheater Tübingen große Erfahrung hat, die er bei seinen Rezitationen und Liedern hervorragend zum Ausdruck brachte. Die Lieder „Die Sun is fargangen“ und „Sol sich gliklich werdn“ wurden von ihm im nicht mehr bestehenden jiddischen Dialekt vorgetragen und beeindruckten besonders.

 

Anhaltender frenetischer Applaus eines begeisterten Publikums für ein außergewöhnliches Programm, das musikalisch und künstlerisch einsame Spitze war. Drei Zugaben!

 

Text und Bild: Götz Bechtle (September 2011)